Ich habe bei 1260 Wettbewerben mitgemacht – in drei Monaten

Als ich das erste Mal bei einem Wettbewerb gewann, fiel ich vom Siegertreppchen. Ich war fünf Jahre alt, ein Junge drückte mich beim Siegerfoto unabsichtlich mitsamt meinem riesigen Gewinner-Schoggihasen von der Bühne. Die bunten Eier kugelten aus dem Osternest über die Platten des Einkaufszentrums, immerhin, der Hase blieb ganz.

Zwei Jahre später schallte mein Name nach einem Volkslauf durch den Lautsprecher. Ich hatte nicht das Rennen gewonnen, sondern die Verlosung: Rollerblades im Wert von mehreren hundert Franken. Im Gegensatz zu meinen alten Rollschuhen glitten sie fast geräuschlos über den Teer.

Fortan galt ich in meiner Familie als Glückskind – auch weil sie wussten, dass sie mich damit glücklich machten. Mein Grossvater liess mich Lottozahlen ankreuzen. Ich durfte die Lose aus der Plexiglas-Sternzeichen-Rondelle am Kiosk ziehen und die Tombolalose von der Schnur reissen, die Schulkinder an der Haustür verkauften.

Gewonnen: Eine traurige Einsicht

An meine früheren Erfolge konnte ich aber nicht mehr anknüpfen. Meine Zahlenkombination spülte Grossvater keine Millionen ins Haus. Bei mindestens hundert «Benissimo»-Losen gab es nie auch nur fünf Franken, sondern maximal die Möglichkeit, es für die Hauptverlosung in der TV-Show einzusenden. Und auch bei den dörflichen Tombolas war alles, was ich gewann: die traurige Einsicht, dass ich mein Glück offenbar mit sieben Jahren bereits ausgeschöpft hatte – damals beim Volkslauf.

Vielleicht muss man dem Glück einfach nur genügend Chancen bieten, damit es einen findet.

Wie viel Glück kann ein Mensch der Welt abzwacken? Das frage ich mich 25 Jahre später beim Schnüren von Zeitungsbündeln, zwischen die ich diese omnipräsenten bunten Gewinnspielflyer stecke: Traumferien zu gewinnen, ein Auto, Pesto vom Nachbarhof … Vielleicht muss man dem Glück einfach nur genügend Chancen bieten, damit es einen findet, ihm ein Schnippchen schlagen, ihm und all den Unternehmen, die so sorglos Preise in die Welt hinauswerfen? Ist ja eigentlich doof, diese Gelegenheiten nicht zu nutzen. So wie Menschen, die die Steuern nicht vorauszahlen und deshalb kein Skonto gutgeschrieben bekommen (Menschen wie ich).

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Ich beschliesse also, für vier Monate professionelle Gewinnspielspielerin zu werden. Nicht in Casinos, Pokerrunden oder an Lotterieständen. Sondern in meiner Ursprungsdisziplin, bei kostenlosen Preisausschreiben.

«Jeder kann gewinnen», coacht mich Sandra *, gelernte Verkäuferin, kurzes schwarzes Haar, grosse graue Augen. Wir haben uns über Facebook gefunden, sie ist die Freundin einer Freundin und erfolgreiche Gewinnspielspielerin. Wir sitzen in ihrem Reiheneinfamilienhaus in einer mittelländischen Kleinstadt, an einem Holztisch, trinken Milchkaffee. Ihren richtigen Namen will Sandra nicht sagen. «Diese Gewinnspielwelt ist zu klein, da kennt jeder jeden. Und schnell kommt Neid auf.»

Nur ein bisschen abhängig

Momentan nimmt sie wöchentlich an einem Wettbewerb teil. Früher, gibt sie zu, waren es mehr. Eine kleine Abhängigkeit; zeitraubend, aber ungefährlich, ähnlich wie «House of Cards». Und durchaus gewinnbringend: In den letzten zehn Jahren kam sie so an einen Fernseher, Ferienreisen, Haushaltsgeräte, Kleider.

Sandra rät mir, mich «Clubs» anzuschliessen, die auf ihren Websites alle verfügbaren Wettbewerbe sammeln. Sie rät es mir, ohne selber noch in solchen Verbünden zu sein. Aber sie sagt mir auch: «Meine Überzeugung ist: Wer nehmen will, muss auch geben.»

Und so nimmt Sandra fast nur an Wettbewerben teil, für die sie etwas leisten muss; ein Kreuzworträtsel ausfüllen, ein Selfie knipsen. Und dies fast ausschliesslich bei Firmen, bei denen sie eh bereits Kundin ist. Es gibt ihr ein besseres Gefühl. Ausserdem spielt sie nur um Dinge, die sie auch tatsächlich brauchen kann.

Ich ignoriere die beiden letzten Ratschläge und beschaffe mir eine neue digitale Identität, mit E-Mail-Adresse und Facebook-Profil. In der Woche 1 spiele ich um Gesichtsöl, Bio-Wein, Spiderman-DVD, Reka-Checks, Kreuzfahrt, Sonnenschutzset, Kinotickets, Regenjacke, Augencrème, Wimperntusche, lebensgrosse Star-Wars-Figur, Mango-Bodylotion, gestreifte Socken, Mixer, Tickets für den Spengler-Cup, Wochenende im Südtirol, Bohrmaschine, blaue Vase, Monatspackung Süssgetränke, Luftbefeuchter. Per Autofill haue ich meine Angaben mit zwei, drei Klicks in die Formulare. Zwanzig Wettbewerbe pro Tag nehme ich mir vor. In den ersten vier Wochen sind es meistens mehr. Dieser Kitzel der Möglichkeiten!

Je teurer der Gewinn, desto mehr Infos lässt man springen.

Ab Woche 4 steigt mein Anspruch und mit ihm auch meine Überzeugung, demnächst zu gewinnen. Die niedrigste Gewinnstufe, die Kumulier- oder Rabattgutscheine, lasse ich jetzt weg. Und konzentriere mich auf die zweite (Sachgewinne) und auf die Königsdisziplin: Flüge, Kreuzfahrt, Geld. Dafür reicht nicht mehr nur die Mailadresse als Absender. Sondern man trägt sich mit Adresse und Handynummer ein. Manchmal sind auch E-Mail-Adressen von Freunden notwendig, sie sollen ebenfalls «vom Wettbewerb profitieren». Je teurer der Gewinn, desto mehr Infos lässt man springen.

Schon klar, Wettbewerbe sind letztlich Datenbeschaffungsmaschinen. Mir kommt in den Sinn, was der US-amerikanische Autor Dave Eggers mal sagte. «Wir bezahlen immer. Nur nicht mit Geld, sondern mit Daten.» Er bezog es allerdings auf einen weltumspannenden Internetkonzern. Der Deal ist der gleiche.

Die Mailbox – übervoll

Woche 5 bis 12: Ich spiele um Badputzprodukte, Jamaica-Reise, orientalische Entspannungsmassage, Restaurantgutscheine, Kinotickets, Stabmixer, Tiefkühler, Bushido-Konzertkarten, Sportsvan, Wein, Playstation-Spiele. Mein Postfach füllt sich mit Werbemails. Dann diese Nachricht: Stephanie, herzlichen Glückwunsch, Sie sind ein Gewinner! Meine Hände werden feucht. «Wir schenken Ihnen sieben Euro, um diese bei Online-Spielautomaten einzusetzen.»

Nun bin ich den verästelten Weiten des Internets als Spielsüchtige bekannt. Am Wochenende versucht mich ein Callcenter auf dem Handy zu erreichen. Ich gehe nicht ran. Später ein weiteres Mail: «Sie haben eine Gratisweinlieferung gewonnen! Ab einem Bestellwert von fünfzig Franken.» Mein Elan nimmt ab, ich schaffe vielleicht noch zwanzig Teilnahmen pro Woche.

2810 ungelesene Mails warten in der Woche 13 in meinem Posteingang. Aus jedem Briefchen blinzelt mir die Hoffnung zu – und ein Hauch von Überdruss. Brauch ich all die Dinge, um die ich hier spiele? Muss sich, um etwas zu brauchen, nicht erst ein Mangel manifestieren? Ich erinnere mich an Sandra und spiele nur noch um Dinge, die ich gern haben würde: GA, Reise mit dem Nachtzug, Winterjacke, ein Jahr lang Schokolade, Tischkreissäge, Tablet.

Muss sich, um etwas zu brauchen, nicht erst ein Mangel manifestieren?

Meine Teilnahmen schrumpfen auf zehn pro Woche. Und ich nehme nun doch auch an Gewinnspielen teil, für die ich was leisten muss. Kann ja sein, dass es doch was auf sich hat mit dieser Karma-Theorie. Ein Guetslihersteller fragt: Wenn du einen Tag erfinden könntest, wie würde er heissen? «Heute-findet-mich-das-Glück-Tag», schreib ich. Dem war nicht so.

In der Woche 16 spiele ich kaum noch. Ich fühle mich benutzt, um meine Zeit und meine Daten betrogen – dabei wollte ich ja ursprünglich selber diejenige sein, die ausnutzt. Ich lösche alle Mails aus meinem Posteingang, bestelle die hunderten Newsletter ab. Irgendwann erinnern mich nur noch die Anrufe der Callcenter an meinen ursprünglichen Plan, wieder ein Glückskind zu werden. Wie viele Chancen braucht das Glück, bis es einen findet? Mehr als 1260.

Ein paar Wochen später liegt ein Paket im Briefkasten. Es wird der einzige Gewinn aus diesen 16 Wochen sein – und immerhin ein Sinnbild für den Kampf um ein geschmeidiges, glückliches Leben, wie ich bitter feststelle: Eine vegane Bodylotion, die ich mit sehr viel Druck auf meine Haut reiben muss, damit sie einzieht.

Und beim Schweizer Lotto, wie gross ist die Gewinnchance hier?

ETH-Mathematiker Martin Mächler rechnet an der Wandtafel. (Annabelle)

Erstellt: 21.02.2018, 09:40 Uhr

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